Das Leben in der Matrix, oder wie funktioniert die Welt wirklich

Die sehr interessante Dokumentation „BBC4 – The Century of the Self (Adam Curtis)“ und das Überlegen verschiedener Zusammenhänge beim Lesen der heutigen Schlagzeilen hat die Frage aufgeworfen, wie die Welt wirklich funktioniert, und ob der Begriff der „Matrix“ tatsächlich weit hergeholt ist oder doch näher liegt, als man normalerweise denkt.

„The Century of the Self“ von Adam Curtis dreht sich hauptsächlich um Edward Bernaise, den Neffen Siegmund Freud’s, welcher in den USA die Psychologie der Masse erforscht hat und durch seine Erkenntnisse und Forschungen die Entwicklung der Nation massgeblich beeinflusst hat. Und damit nicht nur die USA, sondern auch den gesamten „Westen“, welcher zugegebenermaßen ja ziemlich stark von den USA und deren Errungenschaften über das letzte Jahrhundert, v.a. die letzten 70 Jahre, in vielen Bereichen beeinflusst worden ist.
Man ging von der Freud’schen Annahme aus, im innern des Menschen verberge sich ein gefährliches Wesen, also muesse die Masse kontrolliert und in Schach gehalten werden. Zunaechst hat sich die Tabakindustrie Bernaise’s Hilfe bedient. Um 1920 war es in den USA ein Tabu fuer Frauen, in der Öffentlichkeit zu rauchen. Bernaise hat auf einer Festparade gezielt eine Gruppe junger Frauen platziert, welche in ihrem Strumpfband eine Schachtel Zigaretten versteckt hatten. Auf ein Signal von ihm zückten alle Damen ihre Zigaretten und zündeten sie an. Gleichzeitig hatte er Reporter bestellt, und am naechsten Tag war die Gruppe der Frauen in allen Zeitungen, und zwar mit dem Slogan „Torches of Freedom“ (Fackeln der Freiheit). Damit war die Zigarette zum Ausdruck der Freiheit der Frau geworden, und das Tabu war gebrochen. Von da an stieg der Zigarettenkonsum von Frauen stetig an.
Edward Bernaise hat sowohl Firmen und Industriezweigen als auch Politikern geholfen, die Meinung der Öffentlichkeit zu Formen und zu lenken. Er war es, der den Ausdruck „Public Relations“ geprägt hat, und er war der erste Public Relations Adviser. Wie er in einem Interview sagte, habe er sich den Begriff ausgedacht, weil das Wort Propaganda schon in Deutschland benutzt wurde und etwas negatives dabei mitschwang. Bernaise half, Meinungen zu formen, Prasidentschaftswahlen zu gewinnen und Gesellschaftliche Tabus wie „Frauen & Rauchen in der Öffentlichkeit“ in den USA zu brechen. Mit Bernaise’s Hilfe wurde die Gesellschaft von einer „Bedürfnis-Gesellschaft“, die nur das kauft und konsumiert, was benötigt wird, zu einer „Wunsch-Gesellschaft“, die viel mehr kauft und konsumiert, was eigentlich benötigt wird, transformiert.
Dabei wurden die Menschen (zumindest die, die nicht adlig oder sehr vermögend waren) auch dahin gebracht, emotionale Bindungen an Produkte zu entwickeln, und Produkte als Mittel zu sehen, Zufriedenheit im Leben zu erlangen, sowie durch sie ihren Status auszudrücken. Die wahre Perversion dieser Produktbindung erkennt man u.a. an den Schlagzeilen ueber Schlägereien in Geschäften, wenn eine neue PlayStation auf den Markt kommt, und die übermüdeten Kunden, die womöglich die Nacht zuvor in Zelten vor dem Store verbracht und lange Zeit gewartet haben, sich um die vorhandenen Gerate balgen. Oder die Geschichte, die derzeit in den Medien kursiert, über den 17- jährigen Jungen aus der armen Südchinesischen Provinz Anhui, der seine Niere verkauft hat, um sich ein iPhone und ein iPad zu kaufen:
Und der jetzt unglücklicherweise schwere gesundheitliche Probleme dadurch bekommen hat. Wenigstens hat er die Apple-Gadgets, und mit etwas Glück findet er eine Nieren-App im Store zum Download.
Der Punkt hier ist, dass dieses Übermaß an Konsum, dass den meisten Menschen so vertraut und selbstverständlich erscheint, überhaupt gar nicht so selbstverständlich ist. Dass dies alles, was uns umgibt, Errungenschaften der letzten 100 Jahre sind, und es sich auch nur dahin entwickelt hat, weil es entsprechend gesteuert worden ist.
Leben wir tatsächlich in der Happy-Welt, in der man immer alles im Übermaß hat und haben kann? In der freien Demokratie, die Deutschland nun mittlerweile schon 70 Jahre Frieden beschert hat? Und vor allem, wird das auch noch ewig so bleiben? Die „Europäische Schuldenkrise“, welche doch auch nur eine direkte Konsequenz des Platzens irgendeiner amerikanischen Finanzblase im Jahr 2008 und der darauffolgende Kollaps von Lehmann Brothers & Co. war, hält immer noch an. Auferlegter Sparzwang an diverse EU- Länder, die hochverschuldet sind und regelmäßig gerettet werden müssen, schrumpft die Wirtschaft beständig. Sparmassnahmen haben auch in der „Great Depression“ vor dem 2. Weltkrieg nicht zur Besserung der Wirtschaft beigetragen.
Man hat das Gefühl, dass mehr und mehr Souveränität der EU-Mitgliedsstaaten entzogen wird, alles wird mehr und mehr zusammengezurrt. dabei zeigt uns doch die derzeitige Erfahrung, dass diese feste Bindung der Staaten nur dazu fuehrt, dass alle krank werden, wenn einer hustet. Glauben wir, diese Krise wird sich von alleine wieder lösen, und das in absehbarer Zeit?
Ist die Krise denn auf dem Weg der Besserung, wie vielleicht viele meinen? Hat man denn nicht über die letzten Monate Unsummen von Geld, welches zuvor nicht vorhanden war, bereitgestellt, um Bankenschulden zu bezahlen, und dadurch die Geldmenge drastisch erhoeht? Ist die Inflationsgefahr nicht existent? Ist es nicht so, dass die Spannungen im Europa-Raum vielleicht doch nocht nicht um sind? Oder moeglicherweise eigentlich noch gar nicht richtig angefangen haben? In Europa hat man es bisher nur vereinzelt gesehen, aber Demonstrationen scheint es immer mehr zu geben. Die Anonymous Bewegung wächst. In gleichem Masse wächst die Anstrengung von Regierungen, das Internet staerker zu kontrollieren, siehe ACTA, PIPA, SOPA und wie sie alle heissen.
Im Mittleren Osten brodelt es heftig, und geopolitische Spannungen sind unübersehbar. Es gibt Währungskonflikte (US-Dollar als Leitwährung va. andere Währungen), die sich z.B. über den Versuch des Erhalts des Petrodollars in der US-Politik im Mittleren Osten unmittelbar auswirken. Es gibt Spannungen über den US und EU/NATO Raketenabwehrschild, da sich Russland dadurch bedrängt fuehlt. Es gibt mehr und mehr Spannungen mit China, sowohl politische als auch wirtschaftliche und finanzielle.
Dass selbst vereinzelte dieser Konflikte sich mit Wucht entladen und andere Konflikte iniziieren koennen, ist vielen möglicherweise gar nicht bewusst. Man denkt, man ist ja weit weg, und seit den beiden Weltkriegen sei man nun sehr aufgeklärt. Fakt ist aber, dass man das nach dem ersten Weltkrieg schon dachte, dass diese schlimme Erfahrung dazu geführt habe, dass man es in Zukunft besser macht und solche Fehler vermeiden könne. Ein paar Jahre später hatte man den zweiten Weltkrieg.
Und nur weil jetzt, in Europa zumindest, die letzten 70 Jahre mehr oder weniger Ruhe war, heisst nicht, dass dem weiterhin so ist.
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ein Kommentar

  1. Genau das gehört zu den entscheidenden Denkfehlern, die auch mir immer wieder auffallen:
    “Man denkt, man ist ja weit weg, und seit den beiden Weltkriegen sei man nun sehr aufgeklärt.”

    Räumliche und zeitliche Distanz von Schmerz und Erfahrung wirkt bei den meisten Menschen unglaublich neutralisierend und macht mich ratlos.

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